Sprechende Tiere – Meine Erfahrung mit Ritalin

Es klingelt, die öde Mathestunde ist vorbei. Die ganze Lektion lang wurde über die Punkteverteilung der letzten Prüfung diskutiert, unwichtig. Ich habe Besseres zu tun: heute erhielt ich, nach langen Recherchen über Methylphenidate, eine 20mg Ritalin Tablette. Mein Experiment kann beginnen…

Während ich auf den Bus warte, schmeisse ich mir die Tablette, nach kurzem Untersuchen. in den Mund und spüle mit einem Schluck leicht warmem Wasser nach. Igitt. «Was wäre jetzt, wenn das gar nicht Ritalin gewesen ist?». Fragen schiessen mir durch den Kopf, trotz dem angenehmen Wetter fange ich an, etwas zu schwitzen. Meine Achselhöhlen sind ja ganz durchnässt, hoffentlich bemerkt das niemand. Ich mache mir Sorgen. So etwas in der Art habe ich noch nie zuvor gemacht. Vielleicht gibt es doch irgendein Kompatibilitätsproblem mit meinen jetzigen Medikamenten…

Meine Ängste verfliegen jedoch innert kurzer Zeit wieder, und ich verfalle meinen Gedanken. Der Bus kommt, zwei Minuten zu spät. Ich steige ein, los geht’s. Zwei Schulkameradinnen sitzen mir gegenüber, doch ich beachte sie nicht. Ich wundere mich, wann die Wirkung der Droge eintreten wird. Darüber hatte ich nicht viel gelesen, anscheinend geht es zwischen 40 – 60 Minuten bis man sie zu spüren beginnt.

Auch mache ich mir Gedanken darüber, ob ich den echten Effekt des Ritalin von dem des Placebo unterscheiden kann. Schade, mein Kontakt hätte mir vielleicht lieber – ohne meines Wissens – eine wirkungslose Tablette geben sollen.

Der Bus nähert sich meiner Haltestelle, direkt neben dem Subway. Er kommt langsam zum Stillstand, ich steige aus, laufe zur Stadtbibliothek Baden. Kein Unterschied, 20 Minuten sind seit der Einnahme vergangen. Ich packe mein Material aus, setze mich hin. Noch kurz aufs Klo, dann kann’s losgehen. Die Bibliothek ist voll, ich glaube die Schüler der WMS haben eine Abschlussprüfung. Ein Nachhilfeschüler, den ich regelmässig sehe, sucht seinen Lehrer. Ich helfe ihm, sage ihm, er sei unten. Der Lärm stört mich, es ist lauter als sonst.

Zuerst mal Email checken. Facebook. Reddit. Twitter… Ich wollte ja eigentlich die Englischhausaufgaben machen. Eine Fabel schreiben. Ich mache Google Docs auf, langsam fühle ich mich anders. Oder ist das nur der Placebo? 40 Minuten sind vergangen. Fange an zu schreiben. Ich brauche eine Idee, die Moral hab ich schon. «Stehe zu deinen Fehlern». Gute Moral, ein Bekannter von mir hat diese Lektion erst gerade letzte Woche gelernt. Alles gut rausgekommen.

Mir kommt es komisch vor, wie ich den Text angehe. Ich schreibe meine Gedanken in kurzen Sätzen auf, und denke dabei nach. Es ist 16:54. So viel habe ich schon.

Ich denke nach, mir fällt nichts ein. Plötzlich! Um 17:04, die gewinnende Idee. Die Fabel beginnt mit «A long week filled with hard work is coming to an end. The mouthwatering…». Langsam formt sich eine Geschichte in meinem Kopf. Normalerweise müsste ich mir Stichpunkte aufschreiben, oder ein Mindmap machen. Normalerweise würden mir die Ideen ausgehen, ich bliebe stecken. Nein, nicht mit Ritalin. Die Wörter fliessen nur so aus mir heraus. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das Ritalin wirkt. Könnte ich das auch alleine? Ohne Drogen? Ich möchte ja sagen, doch zweifle daran. Keine Ablenkungen. Reddit? Nein, keine Lust. Den Lärm bemerke ich gar nicht mehr. Ich bin ruhig. Ich bin konzentriert. Ich bin gesamthaft der Geschichte gewidmet.

Nach einigen Minuten habe ich den ersten Abschnitt. Der Rest der Geschichte hat sich in meinem Kopf geformt. «Creative writing»? Nicht so mein Ding. Mit Ritalin? Nicht schlecht, muss ich sagen. Alles wird beschrieben, Synonyme werden gesucht, «schwierige» Wörter, die zuhinterst im Schädel vergraben sind, werden gefunden. Alles passt perfekt zusammen. Kein Hunger, ich fühle mich wie in einem Konzentrationshigh. Ich möchte arbeiten, ich möchte es so gut machen wie möglich. Ich schreibe wie wild weiter.

Eine Stunde später, um 18:06, bin ich fertig. 1000 Wörter, knapp 16 Wörter pro Minute. Erschöpft? Nein. Erstaunt? Ja. Nun: durchlesen, mehrmals. Dazu hätte ich im Normalfall nicht die Geduld. Kleine Fehler entdecke ich, aber Vergleichsweise wenig. Ich bin immer noch im «High», ich möchte produktiv sein. Ich möchte schreiben.

Ritalin ist nicht so gut, wie ich erwartet hatte (meine Vorstellungen waren unrealistisch, erst vor kurzem hatte ich «Limitless» wieder geschaut), aber trotzdem erstaunlich. Ohne mir viel Gedanken zu machen, sprudelte der Text, die Wörter aus mir hinaus. Keine langen Denkpausen, sondern Zack-Zack-Zack und der Abschnitt war fertig.

Der Effekt lässt nach – jetzt es ist 00:16. Der wirklich merkbare «High» Effekt dauerte nur noch bis um 18:30 an, danach verlor ich die Motivation und ging nach Hause. An der Bushaltestelle zappelte ich etwas – ich fühlte mich nutzlos. Ich nahm ein Buch in die Hand, sofort besser. Ich konnte mich auf der gesamten Fahrt mühelos darauf konzentrieren. Von 15:00 bis jetzt (und wahrscheinlich bis Morgen früh) habe ich nichts gegessen, höchst abnormal, wie solche, die mich kennen (oder mir auf Instagram folgen), wissen (sollten). Auch jetzt, der Text kommt ziemlich schnell (die Qualität hat aber beträchtlich nachgelassen). Ich bin seit kurz nach sechs am Morgen auf den Beinen um verspürte bis vor zehn Minuten nicht die geringsten Müdigkeit – im Gegenteil, ich wollte unbedingt wieder schreiben.

Es kommt mir etwas wie «Lucid Dreaming» vor, ich möchte es völlig ausnutzen, ausprobieren, wie dieses «High» mir hilft, wie es funktioniert und wo die Grenzen liegen. Ich hatte versucht, nachdem ich die Fabel abgeschlossen hatte, ohne Notizen, eifach aus dem Gedächtnis etwas über Schminken und Makeup zu schreiben (ein Thema das mich schon seit einigen Wochen interessiert, und worüber ich schon einiges gelesen habe). Die Einleitung verlief ohne Probleme, doch als ich konkrete Fakten und Informationen brauchte, war das Weiterschreiben wie erwartet leider unmöglich. Ich hätte aber gerne erfahren, wie es mit den Notizen gelaufen wäre.

Nun, mal sehen, wie es mir am Morgen geht…

Werde ich nochmals Ritalin nehmen? Vielleicht, doch muss ich mich noch zuvor ausführlicher mit dem Thema der Leistungsverstärkenden Drogen beschäftigen (und vor allem der Langzeitauswirkungen), damit ich eine rationale und vor allem informierte Entscheidung treffen kann. War es die Erfahrung wert? Absolut. Ich habe mich seit längerem über die Wirkung von Drogen wie Ritalin oder Adderall bei solchen, die keine Konzentrationsstörungen haben, gewundert, und bin zufrieden mit meiner (ersten) Erfahrung. Ich weiss mit Sicherheit, dass ich die Kantonsschule Problemlos abschliessen werde, und ich würde es auch ohne Ritalin schaffen. Doch man will sich immer das Leben erleichtern, und den bequemsten Weg gehen…

Ich möchte Nebenbei bemerken, dass Ritalin, obwohl von Ärzten oft an kleine Kindern verschrieben, keine harmlose Droge ist. Sie kann wesentliche Veränderungen, wie Schlaflosigkeit, Mangel an Hungergefühlen (was auch zu Magersucht führen kann), Nervosität und Toleranz (man muss immer höhere Dosen nehmen um die gleiche Wirkung zu erreichen) herbeiziehen, und ist sicherlich genau das Gegenteil von gefahrlos. Ich habe mich über die Dosis, die Nebenwirkungen und die Droge selber extensiv informiert, und war mir völlig bewusst, was schief laufen könnte. Ausserdem habe ich meine Ärzte nach Ihren Meinungen und weiteren möglichen Risiken gefragt. Anhand all diesen Informationen habe ich eine Entscheidung getroffen, mit der ich zufrieden bin.

In einem zukünftigen Post habe ich vor, das Thema anzugehen, wieso Ritalin leistungsstärkend wirkt, wie solche Drogen im allgemeinen funktionieren und gebraucht bzw. missbraucht werden…

Edit: Ich habe kein AD(H)S, und kann mich normalerweise mühelos konzentrieren. 

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